Alpencross
Die Überquerung der Alpen ist für viele Mountainbiker die Herausforderung. Wenn die Planung, die Vorbereitung und die Ausrüstung stimmt, dann wird der Alpencross auch zu einem einmaligen Genuss. Die Überwindung des Gebirges vom kalten Norden in Richtung sonniger Süden hat einen besonderen Reiz.
Inzwischen habe ich die Alpen zwei mal überquert und ich werde es sicher noch öfter tun.
In den nachfolgenden Abschnitten habe ich einige meiner Erfahrungen niedergeschrieben.
Inhalt
Die Planung
Bei der Planung einer Alpenüberquerung steht man vor der Frage, ob man auf eigenen Faust fahren möchte oder ob man sich besser einer organisierten Tour auschließen sollt. Ich habe mich einer organisierten Tour angeschlossen. Ausschlaggebend waren dafür folgende Gründe:
- Die eigenständige Planung erfordert viel Zeit. Übernachtungen müssen gesucht werden, der Rüchtransport muss organisiert werden und vieles andere mehr. Diesen Aufwand wolle ich nicht betreiben.
- Für eine exakte Planung ist eine detailierte Kenntnis der Stecke notwendig. In Hochgebirge kann man nicht einfach sagen, dass man am Tag vielleicht 80 km zurücklegt. Die zu bewältigende Strecke hängt vom Profil und der Wegebeschaffenheit erheblich ab. Zumindest die Wegebeschafftenheit ist sehr schwer aus Karten ersichtlich. Bei einer selber geplanten Strecke ist also immer das Risiko vorhanden, dass eine Etappe so lang ist, dass sie nicht zu schaffen ist. Man kann natürlich auf Erfahrungen anderer zurückgreifen. Inzwischen gibt es ja viele Beschreibungen im Internet oder in Buchform. Das alles auszuwerten treibt den Aufwand für die Vorbereitung in die Höhe.
- Entscheidend war für mich die fehlende alpine Erfahrung. Im Hochgebirge lauern Gefahren, die ich als Mittelgebirgsbewohner nicht ausreichend genug kenne. Eine dieser Gefahren ist das Wetter. Ab einer gewissen Höhenlage muss man auch im Sommer immer mit Schnee rechnen. Schnell ist dann keine Wegemarkierung mehr zu sehen, weil diese oberhalb der Baumgrenze meist auf Steinen angebracht sind. Bei der Beurteilung des Wetters möchte ich mich doch lieber auf einen ausgebildeten Bergführer verlassen.
- Bei einer organisierten Reise wird meistens das Gepäck zur nächsten Unterkunft transportiert. Das ist zwar nicht unbedingt nötig; man kann auch mit einem Rucksack auskommen. Nur ist es ein nicht zu unterschätzender Komfort, wenn man nach der Tagesetappe nicht mit Fahrradklamotten am Abendbrottisch sitzen muss.
Die Vorbereitung
Ohne eine ausreichende Vorbereitung wird solch eine Tour zu Qual. Wichtig ist eine gute Grundlagenausdauer. Ich habe diese vor allem dadurch trainiert, dass ich möglichst lange Strecken auf flachen Stecken bei niedrigen Puls gefahren bin. Das Training der Grundlagenausdauer nimmt den größten Umfang ein (ca. 80%)
Begonnen habe ich im zeitigen Frühjahr. Im Winter habe ich bereits durch Skilanglauf versucht, meine Kondition einigermaßen aufrecht zu erhalten.
Oft habe ich auch mein Rad für den Arbeitsweg genutzt. Das waren pro Tag 65 km auf hüglicher Strecke.
In den Alpen wird man sehr lange Stecken bergauf fahren müssen. Das habe ich gezielt trainiert. Dazu habe ich mir in de Nähe eine möglichst lange Steigung gesucht, den ich dann in einem möglichst gleichmäßigen Puls erklommen habe. Der Plusmesser hilft dabei, sich vor übertriebenen Ehrgeiz zu schützen. Bei einem Alpencross sind pro Etappe über 2000 hm zu überwinden. Deswegen muss man sich die Kraft gut einteilen.
Ein Problem beim langen Bergauf fahren war für mich, dass man relativ verkrampft auf dem Rad sitzt und nach einiger Zeit der Rücken zu schmerzen beginnt. Ich habe für mich einen Rhythmus gefunden, der immer wieder für Enspannung sorgt. Nachdem ich 10 Minuten den Berg hoch gekurbelt bin, schalte ich zwei Gänge höher und fahre ein Stück im Wiegetritt. Die Geschwindigkeit versuche ich gleich zu halten. Das Fahren im Wiegetritt auf einem Schotterweg sollte allerdings vorher ausführlich geübt werden. Wichtig ist, dass der Körperschwerpunkt beim Treten etwas nach hinten verlagert wird, um auf das Hinterrad mehr Druck auszuüben. Ansonsten dreht es durch und die Kraft verpufft.
Bei meiner ersten Alpenüberquerung habe ich in der Vorbereitung eine Sache unterschätzt. Es gibt kaum einen Alpencross, auf dem das Rad nicht längere Zeit getragen werden muss. Das sollte auch einmal geübt werden. Nach einiger Zeit hat man seine Tragetechnik so verbessert, dass auch der Passo di Campo seinen Schrecken verliert. Es ist wichtig, dass man das Rad auf der rechten und auf der linken Schulter tragen kann. Ein Stück Schaumstoffisolation für Warmwasserleitungen hilft, blaue Flecken zu vermeiden.
Das Bike
Fully oder Hardtail
Oft wird sehr kontrovers über das Thema Fully oder Hardtail diskutiert. Auf meinem ersten Alpencross habe ich ein Hardtail benutzt, auf dem zweiten ein Fully. Meine Erfahrung ist, dass es nicht so entscheidend ist, ob man nur voll- oder nur teilweise gefedert unterwegs ist. Mit beiden Konzepten kann man ankommen oder scheitern. Wichtig sind folgende Punkte:
- Das Bike muss sicher sein.
Die Bremsen müssen zuverlässig wirken. Alle Bauteile müssen den Belastungen standhalten. Das klingt zwar trivial, aber ein Blick in die Liste der häufigsten Defekte seigt, dass es da viele Probleme gibt. - Das MTB muss langstreckentauglich sein.
Das bedeutet in erster Linie eine bequeme Sitzhaltung. - Die Kraft muss effektiv ungesetzt werden.
Das betrifft besonders Fullys. Ein wippender Hinterbau ist Energieverschwendung.
Oft wird als Argument gegen ein Fully angeführt, die Technik sei komplizierter und damit auch Defektanfälliger. Prinzipiell ist das auch richtig. Allerdings habe ich noch keinen Defekt erlebt, der mit dem Federungssystem zusammenhing.
Ein weiteres Argument gegen ein Fully ist das Mehrgewicht. Das beträgt ca. 1 - 1,5 kg. Das sind ca. 2% des Gesamtgewichtes. Beim Alpencross geht es nicht um Sekunden, sondern ums Ankommen. Deswegen spielt das Mehrgewicht keine Rolle.
Wie oben schon erwähnt, wird man das Bike öfter einmal tragen müssen. Viele Rahmenformen von Fullys lassen es nicht zu, das MTB im Rahmendreieck über der Schulter zu tragen. Sicher gibt es noch andere Varianten. Das sollte aber umbedingt ausprobiert werden.
Ich habe mich für ein Centurion LRS entschieden. Dieses Fully hat einen ganz normalen Diamant-Rahmen, der sich sehr gut tragen lässt und außerdem Platz für zwei Flaschenhalter bietet.
Ich habe übrigens eine ganze Weile gebraucht, bis ich meine optimale Abstimmung von Luftdurck in den Felderelementen und den Reifen sowie der Dämpfereinstellung gefunden habe. Ausgiebige Testfahrten sollten also eingeplant werden.
Felgenbremsen oder Scheibenbremsen
Scheibenbremsen haben gegenüber Felgenbremsen einige ganz klare Vorteile.
- Sie sind besser dosierbar.
- Die Fingerkraft ist bei gleicher Bremswirkung geringer. Das macht sich besonders bei langen Abfahrten positiv bemerkbar.
- Sie sind unanfällig gegenüber Verschmutzung.
- Bei einer Überhitzung wandert nicht der Mantel und lässt das Ventil abreißen.
Dem stehen aber auch einige Nachteile gegenüber.
- Vor allem leicht Cross-Country-Scheibenbremsen mit kleinen Scheiben neigen schneller zum Überhitzen.
- Scheibenbremsen sind wesentlich defektanlälliger. Eine verbogene Scheiben kann nur noch ausgetauscht werden. Oft gibt es Probleme mit Luft in den Leitungen.
- Das Gewicht des Bikes ist geringfügig höher. Nicht nur die Bremsen selbst sind schwerer. Durch die ungünstigers Krafteinleitung sind Laufrad Gabel und Hinterbau höher beansprucht und eventuell etwas schwerer.
Probleme mit Luft in den Leitungen gab es eigentlich immer dann, wenn die Bikes über längere Strecken getragen werden mussten. Auf keinen Fall sollte man ein Bike mit Scheibenbremsen kopfüber tragen.
Etwas schwerere Biker sollten nicht unbedingt die eine superleichte CC-Scheibenbremse mit kleinen 160-mm-Scheiben einsetzen sondern eine etwas belastbarere Variante wählen. Ansonsten ist nichts gegen den Einsatz einer Scheibenbremse bei einem Alpencross zu sagen. Die geringere Handkraft fand ich besonders auf langen Abfahrten sehr angenehm.
Häufige Defekte
Hier ist eine Liste von häufigen Defekten:
- einige Reifendefekte
- 2 defekte Innenlager
- abgebrochener Nabenflansch bei einem radial eingespeichten Vorderrad
- ein Lenkerbruch(!)
- verschlissene Bremsbeläge
- Luft in den Leitungen der Scheibenbremsen
Während der Tour
Ein Alpencross ist kein Rennen. Es geht nicht darum, als erster an der Passhöhe anzukommen, sondern sicher die gesamte Distanz zu überstehen. Es ist wichtig, sich die Kraft richtig einzuteilen. Ein Pulsmesser hilft auch hier, sich vor übertriebenen Ehrgeiz zu schützen.
Oft ist man in Gebieten unterwegs, die für Autos nicht erreichbar sind. Wenn man sich hier verletzt, dann kann das eine aufwendige Rettungsaktion nachsich ziehen. Auch schon relativ leichte Verletzungen können den Abbruch der Tour bedeuten. Deswegen ist es besser, jedes unnötige Risiko zu vermeiden. Es ist keine Schande, an einer schwierigen Passage vom Rad zu steigen und zu schieben.
Zum Frühstück habe ich immer versucht, soviel wie möglich Müsli zu essen. Das hat dann immer bis ca. 11:00 Uhr gereicht. Unterwegs gab es dann immer mal einen Energieriegel. Wichtig ist, dass man die Riegel vorher auf einer längeren Tour testet. Pauschale Empfehlungen für einen speziellen Riegel kann man nicht geben.
Einmal habe ich den Fehler gemacht, zum Mittag ein normales Essen zu mir zu nehmen. Am Nachmittag wurde dann ein längerer Anstieg zur Qual. Besser ist es, mittags nur eine Kleinigkeit zu sich zu nehmen und abends richtig zu essen.
In den Alpen ist es normalerweise kein Problem, unterwegs die Trinkflasche an Brunnen oder in Hütten aufzufüllen. Deswegen muss man morgens nicht mit 5 l Wasser auch dem Rücken starten. Zwei gefüllte Flaschen am Rahmen reichen.


